WAZ - Nummer 267, Freitag, 15. November 2002

Die Donnerbüchse wird Bistro

Schüler der Marienschule restaurieren alten Eisenbahnwaggon

Von Katja Büchsenschütz

Marode sieht sie aus, alt und ausgebrannt dazu. Doch gerade das spornt die Schüler der Marienschule an.
Aus der 80 Jahre alten "Donnerbüchse" machen sie ein Bistro - mit Hilfe von Arbeitsamt und Bildungszentrum
des Baugewerbes.
"Wer weiß, wo der Waggon schon überall `rumgefahren ist", überlegt Dominic geistesabwesend. Gespannt
beobachtet der 14-jährige, wie Spediteure die zehn Tonnen schwere "Donnerbüchse" durch das Nadelöhr an
der Frohnhauser Straße manövrieren. Ihr Ziel: der Hof des Bildungszentrums für das Baugewerbe, auf dem
der Eisenbahnwaggon, Baujahr 1922, aus seinem Dornröschenschlaf erwachen soll. "Hier werden die groben
Arbeiten verrichtet" erklärt Thomas Mikoteit, beim Arbeitsamt Essen Leiter des Projektes "Schule-Wirtschaft-
Arbeitsmarkt, das die Aktion ermöglicht.

      transport1.jpg (23423 Byte) Eine Verjüngungskur bekommt der 80 Jahre alte
Eisenbahnwaggon auf dem Gelände des Bildungs-
zentrums des Baugewerbes. Danach wird er zur
Cafeteria an der Marienschule.    WAZ-Bild: Vinken

Mit Unterstützung der Teilnehmer des Bildungszentrums des Baugewerbes entkernen die Schüler den Waggon
zunächst und bauen ihn so originalgetreu wie möglich nach. "Drinnen war ein Fachwerkgerüst aus Holz, das
aber leider verbrannt ist", sagt Mikoteit.
Über den maroden Zustand war Barbara Kromer, Schulleiterin der Marienschule, zunächst erschrocken. "Doch
die Schüler sehen das als Herausforderung", sagt sie. So schnell wie möglich soll die "Donnerbüchse" , zur
Verfügung gestellt vom Verein "Historische Eisenbahn Oberhausen", ihre Endstation auf dem Schulhof am
Krekelerweg finden. Vermutlich ab Mai sorgen hier die Schüler dann für den kompletten Ausbau. Beim Ver-
legen von Wasser- und Gas-Anschlüssen, oder Innenverkleidung lernen sie - ganz nebenbei - verschiedene
Berufsfelder kennen.
So schließt sich der Kreis: das Projekt "Schule-Wirtschaft-Arbeitsmarkt" erfüllt dann seinen Zweck, wenn mög-
lichst wenig Azubis ihre Lehre abbrechen, weil sich ihre Vorstellungen nicht erfüllt haben. Auf einen Beruf fest-
legen lassen wollen sich Rafael und Lukas noch nicht. Den beiden 15-jährigen geht es erst einmal ums Dabei-
sein: "Wir machen alles."

 

NRZ - Nummer 267, Freitag, 15. November 2002

Bahn frei für ein Bistro

Schule / Das Bildungszentrum des Baugewerbes und die Steeler Marienschule wollen einen 80
Jahre alten, schrottreifen Eisenbahnwaggon in ein Bistro verwandeln. Doch am Anfang stand ein Kraftakt.

Stephan Hermsen

Liebe auf den ersten Blick sieht anders aus: "Hoffentlich ist es nicht dieser Waggon", dachte Schulleiterin Barbara Kromer, Leiterin der Marienschule in Steele. Natürlich war es genau dieses verrostete, ausgebrannte, schwarz-braun-grüne Etwas, dass die Eisenbahnfreunde Katernberg für 2.900 Euro zur Verfügung stellten und ein einzigartiges Projekt ermöglichten.

Sicher, in der Vergangenheit haben etliche Schulen erfolgreich zarte Bande zu Unternehmen geknüpft -  70 Projekte zählt man mittlerweise beim Arbeitsamt - , aber noch nie wurden dafür zehn Tonnen Alteisen durch
die Stadt gekarrt. Gestern morgen um 7 Uhr wurde der alte Waggon, von Eisenbahnfans liebevoll "Donner- büchse" genannt, auf dem Zollverein-Gelände verladen. Unbekannte haben den Waggon zerstört und in Brand gesteckt, jetzt soll der Waggon wieder aufgemöbelt werden.

       transport2.jpg (17325 Byte) Die Partnerschaft zwischen Unternehmen, Arbeitsamt und Schulen macht es möglich:

Die Firma Streif Baulogistik übernahm den Transport, der von der Feuerwehr im Rahmen einer Übung begleitet wurde. (NRZ-Fotos: Oliver Müller)

Gegen elf Uhr rangierte der Schwertransporter vorsichtig auf dem Hof des Bildungszentrum des Baugewer-
bes am Westendhof. Hier werden Bauhandwerker den Waggonaufbau demontieren, dann wird ein neues, hölzernes Fachwerk erstellt, das anschließend mit einem Blechkleid versehen wird.

Dohle finanziert das Projekt mit Preisgeld

Zudem gilt es, Leitungen für Gas, Wasser und Strom in dem rund 14 Meter langen und gut vier Meter hohen Waggon zu installieren. 2.100 Euro stehen fürs Material zur Verfügung. Das Geld für Ankauf und Umbau
stammt von Arbeitsamts-Chef Hans-Gerhard Dohle persönlich: Er gibt damit das im März erhaltene Preisgeld des Heinrich-Brauns-Preises des Bistums Essen weiter.

                        transport3.jpg (14361 Byte)  

 

Hau ruck! Die Feuerwehr hat den Waggon am Haken, vorsichtig wird er aufs Gleis gesetzt.

Im Mai 2003 tritt die Donnerbüchse ihre allerletzte Fahrt an. Der Waggon wird zur Steeler Hauptschule ge- fahren. Dort sollen bis dahin einige Meter Gleis liegen, auf denen der Waggon aufgestellt wird. Die Haupt- schüler werden dann im Inneren, begleitet von Fachfirmen, ihr Bistro bauen. Nach dem ersten Schreck haben sie sich mit dem alten Waggon angefreundet. Raphael, Dominic und Lukas, drei Achtklässler, die an der Re- novierung mitarbeiten werden, beobachteten den mühsamen Abladevorgang mit Sorge: "Hoffentlich machen die unseren Waggon nicht kaputt", meinte der 14-jährige Raphael.

 

Wochenpost - 16/17. November 2002

"Alte Donnerbüchse" wird zum Schülerbistro

Schüler renovieren im BZB einen historischen Eisenbahnwaggon und bauen ihn zum neuen Schülerbistro um

Steele. Am vergangenen Donnerstagvormittag rollte ein ziemlich maroder, gut 80 Jahre alter Eisen- bahnwaggon quer durch die halbe Stadt. Sein Weg führte ihn weg von der Zeche Zollverein bis zum Gelände des Bildungszentrum für das Baugewerbe (BZB) in Frohnhausen.
Diese Transaktion ist der erste Schritt in einem bisher einzigartigen Kooperationsprojekt zwischen einer Essener Hauptschule und dem Arbeitsamt. Am Ende soll aus der "alten Donnerbüchse", wie der Waggon damals liebevoll genannt wurde, ein nagelneues Schülerbistro für die katholische Hauptschule Steele entstehen.Die Schüler sollen hier tatkräftig mit anpacken. So sammeln sie während des Renovierungspro- zesses ganz nebenbei wertvolle Erfahrungen in diversen Ausbildungsberufen (Metall, Holz, Elektro,  Gas- und Wasser).

     wopo.JPG (29172 Byte) Alle Mann mit anpacken: Mit vereinten Kräften wird der alte Waggon auf das BZB-Gelände in Frohnhausen gehievt.

"Seit drei Jahren initiieren wir Projekte mit dem Ziel, Schülern möglichst praxisnahe Erfahrungen in ver- schiedenen Ausbildungsberufen zu vermitteln, um ihnen so bei einer tragfähigen und stabilen Berufswahl- entscheidung behilflich zu sein", erklärt Thomas Mikoteit, Leiter des Projektes "Schule-Wirtschaft- Arbeits- markt".
Am Donnerstag nun fiel der Startschuss zu dem spektakulären Eisenbahn-Bistro-Projekt. Der für  2.900 Euro erworbene historische, aber durch Brand fast völlig zerstörte Waggon wurde auf einem Schwertransporter zum Bildungszentrum am Westbahnhof transportiert. Dort angekommen, wird das vier Meter hohe und 14 Meter lange Teilstück an Schülerhände übergeben. Gemeinsam mit ihren Lehrern, den Auszubildenden und Meistern Essener Betriebe, dem Kolping-Bildungswerk, der Kreishandwerkerschaft und dem BZB sowie weiteren Experten wird die "Donnerbüchse" zu einem Bistro umgebaut. Die Schüler sollen die Restauration dann später in Eigenverantwortung führen. Projektleiter Thomas Mikoteit: "Im Laufe der kommenden Monate wird der Waggon möglichst originalgetreu wieder hergestellt". Es müssen hierzu zahlreiche Holz-Elektro- und In- stallationsarbeiten durchgeführt werden.
Nach der ersten Restaurationsphase auf dem Gelände des BZB wird der knapp zehn Tonnen schwere Koloss abermals auf Reisen gehen und seine Endstation anfahren. Auf dem Gelände der Steeler Marienschule werden die Schüler sich vor Ort um den kompletten Innenausbau kümmern. Mikoteit freut sich über die Kreativität aller am Projekt Beteiligten. Ursprünglich war geplant, einen Mofaschuppen für den Schulhof zu bauen.

 

Ruhr Wort - Sonntag, 23. November 2002

Alter Waggon wird Schülerbistro

Beim Umbau der "Donnerbüchse" erproben Schüler schon früh ihr berufliches Können

Bereits am Start seiner Reise hatte der Koloss prominente Begleiter: Morgens um sieben schickten Essens
Arbeitsamtschef Hans Gerhard Dohle und Weihbischof Franz Grave einen 80 Jahre alten Eisenbahnwaggon
auf Reisen - und zwar von der Katernberger Zeche Zollverein nach Frohnhausen. Warum die Promis dem un-
gewöhnlichen Spezialtransport ihren "Segen" gaben? Arbeitsamt und Bistum setzen sich dafür ein, dass der
ausgebrannte Waggon zum Schüler-Bistro umgebaut wird.

                            ruhrwort3.jpg (10944 Byte) Start um 7 Uhr früh. Die Abfahrt des Eisenbahn-
waggons verfolgen (v.l.) Arbeitsamtsdirektor Hans
Gerhard Dohle, Weihbischof Franz Grave und
Wilhelm Wölting für die Steeler Marienschule.
Foto: pr

Dafür werken Auszubildende des Frohnhauser Bildungszentrums für das Baugewerbe (BZB) gemeinsam mit
Schülerinnen und Schülern der katholischen Hauptschule Essen - Steele und jungen Leuten aus der Metall-
werkstatt des Kolping-Berufsbildungswerkes. Die "Metaller" demontieren zunächst den Waggon in Frohn-
hausen; im Rahmen ihres Technik-Unterrichts helfen  danach Neunt- und Zehntklässler der Hauptschule mit,
ihn mit einem neuen Stahlblech-Kleid zu versehen.
Das BZB Frohnhausen ist aber nur die erste Station der Reise. Die alte "Donnerbüchse" - so nennen Eisen-
bahnliebhaber den historischen Wagen - wird wohl im Frühsommer auf den Steeler Schulhof gekarrt. Hier
verlegen die Hauptschüler dann gemeinsam mit Fachfirmen Kabel, Heizungs- und Wasserleitungen.

      ruhrwort2.jpg (24637 Byte) Schweres Gerät im Einsatz. Mit einem großen
Kran hob die Essener Berufsfeuerwehr den 14
Tonnen schweren Waggon im Frohnhauser Bil-
dungszentrum vom Spezialtransporter auf ein fest
montiertes Gleis.                                          Foto: pr

Einen zentralen Vorteil sehen Grave, Dohle und der beim Arbeitsamt zuständige Thomas Mikoteit in dem
Projekt: Die Schüler erproben künftige Ausbildungsberufe von der Holz- über die Metallverarbeitung bis hin
zur Elektroinstallation. Thomas Mikoteit, Leiter der Initiative "Schule - Wirtschaft - Arbeitsmarkt" beim Arbeits-
amt Essen, erklärte den Hintergrund der ganzen Sache: "Seit 1999 haben wir eine Reihe von Projekten mit
dem Ziel initiiert, Schülern im Unterricht praxisnahe Berufserfahrungen zu vermitteln, ihnen so bei einer trag-
fähigen und stabilen Berufsentscheidung behilflich zu sein." Das Arbeitsamt hat auf diese Weise gemeinsam
mit Schulen, der Kreishandwerkerschaft und der Wirtschaft bereits über 70 Projekte durchgeführt. Jeder
Azubi, lenkt Mikoteit den Blick in die Zukunft, der seine spätere Lehre nicht abbreche, weil er vor dem Lehr-
beginn wusste, worauf er sich einließ, sei ein Gewinn dieser Projekte und ein Gewinn für seinen Betrieb.
Übrigens: Für die Finanzierung des Unternehmens "Donnerbüchse" steht Arbeitsamtschef Dohle persönlich
mit gerade. Er stiftet 5000 Euro vom Preisgeld des Heinrich-Brauns-Preises, den ihm das Bistum im Früh-
jahr verlieh. Mit dem Preis werden Personen geehrt, die sich im Sinne des Priesters und Reichsarbeitsminis-
ter Heinrich Brauns beispielhaft für soziale Verständigung und um die katholische Soziallehre verdient ge-
macht haben.

                          ruhrwort1.jpg (15494 Byte) Gemeinsam etwas auf die Schiene bringen. Auszu-
bildende der Metallwerkstatt des Kolping-Berufsbil-
dungswerks waren mit dabei, als der alte Waggon
in Frohnhausen ankam. Stefan Touratzidis (im Blau-
mann) und Simon Gosselke werden den Wagen-
Aufbau mit demontieren und die "Donnerbüchse"
dann gemeinsam mit den Steeler Hauptschülern neu
verkleiden.                                              Foto: pr

Nach Abschluss des Großtransports freute sich Thomas Mikoteit über das Engagement aller Beteiligten. "Es
ist schon erstaunlich, was wir mit diesem Projekt auf die Schiene gebracht haben." Hauptschüler und Kolping-
Azubis sehen nun den konkreten Arbeiten mit Vorfreude entgegen. "Bisher haben wir Drehen, Fräsen oder
Schweißen an kleineren Werkstücken gelernt", erläuterte Carsten Gosselke (19) vom Kolping-Berufsbildungs-
werk, während im Hof ein schwerer Feuerwehr-Kran die "Donnerbüchse" vom Transportwagen auf fest mon-
tierte Schienen hebt. Die Arbeit mit den Schülern, ergäntz sein Kollege Stefan Touratzidis, sei ungeachtet des
Altersunterschiedes eine tolle sache. Stefan: "Für 14- wie für 19-Jährige gilt: Hauptsache, wir leisten alle gute
Arbeit."                                                                                                                                                               uw